AKKU Jahrestagung 2015

Unternehmen und Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert

Organisatoren: Peter Kramper (München)/Michael C. Schneider (Düsseldorf) in Verbindung mit Stefanie van de Kerkhof (Mannheim) für den Arbeitskreis Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte e.V.

Ort: Haus der Universität, Düsseldorf, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf, großer Vortragssaal

Wir laden herzlich ein zur diesjährigen Jahrestagung des AKKU, die sich dem Thema Unternehmen und Wissenschaft mit einem Schwerpunkt auf die Moderne (19. und 20. Jahrhundert) widmen soll. Die Frage nach dem außerwissenschaftlichen Nutzen der Wissenschaft ist so alt wie die moderne Wissenschaft selbst. Vor allem der wirtschaftliche Nutzen wissenschaftlicher Erkenntnisse steht spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung im Fokus des politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Interesses, mithin auch das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Unstrittig ist dabei seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die zunehmend zentrale Rolle wissenschaftlichen Wissens für den Erfolg von Unternehmen in den sogenannten „wissensbasierten“ Industriezweigen, namentlich der chemischen und der elektrotechnischen Industrie, aber auch vieler anderer Branchen. Vor diesem Hintergrund überrascht der Befund, dass das außerordentlich vielschichtige Verhältnis zwischen Unternehmen und den verschiedenartigen Ausprägungen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung nur selten Gegenstand synthetisierender unternehmenshistorischer Überlegungen geworden ist.

An diesem Punkt will die geplante Tagung ansetzen. Sie fragt nach den Kontaktzonen zwischen Unternehmen auf der einen Seite und der wissenschaftlichen Welt auf der anderen Seite, nach wechselseitigen Einflüssen ebenso wie nach Konfliktpotentialen, die sich aus der Kooperation beider Bereiche ergeben können und ergeben haben. Dabei, so ist aufgrund der bisherigen Forschung zu diesem Thema zu vermuten, entstehen aufgrund der unterschiedlichen Funktionsbedingungen beider Bereiche vielfach Konfliktlinien und Spannungen, die produktiv oder produktivitätshemmend wirken können. Während aus unternehmenshistorischer Perspektive traditionell zumeist die unmittelbaren Beiträge anwendungsbezogener wissenschaftlicher Forschung im Zentrum des Interesses standen und stehen, werden aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung unternehmerische Involvierungen in wissenschaftliche Belange zumeist kritisch gesehen. Die Tagung möchte beide Engführungen überwinden und systematisch nach den unterschiedlichen Ausprägungen der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Unternehmen sowie nach ihren Folgen sowohl für die Wissenschaften als auch für die Unternehmen fragen.

Das Panorama der Kontaktzonen, die unter dieser Prämisse untersucht werden sollen, ist dabei weitgefächert und reicht von den klassischen wissenschaftlichen Industrielaboratorien über Unternehmensausgründungen aus Universitäten bis hin zu wissenschaftlichen Einrichtungen, die unternehmerisch geführt werden. Zudem beschreiben solche institutionalisierten Verbindungen keineswegs die einzigen Formen der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der wissenschaftlichen Sphäre. So greifen Unternehmen auch auf andere Weise auf wissenschaftliche Ressourcen zurück: Etwa wenn sie sich verwissenschaftlichter Instrumente der Unternehmensführung oder der Marktforschung bedienen oder wenn sie Produkte herstellen, die nur in Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen erprobt werden können, etwa medizinische Geräte oder Pharmazeutika. Schließlich nehmen Unternehmen auch über die Finanzierung etwa von universitären Lehrstühlen oder wissenschaftlichen Einrichtungen direkten oder zumindest indirekten Einfluss auf die wissenschaftliche Agenda.

Bei allen Beiträgen werden nach Möglichkeit Rückbezüge auf allgemeinere Debatten genommen, seien es solche, die aus unternehmenshistorischer Perspektive das schon länger diskutierte Thema der „porösen Grenzen“ von Unternehmen unter einer Fokussierung auf die unterschiedlichen Formen der Nutzbarmachung wissenschaftlichen Wissens neu aufgreifen, seien es aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung solche Ansätze, die sich auf die „Bindeglieder und Knoten“ u.a. in die Welt der Unternehmen (Latour) beziehen, ohne die die Entstehung wissenschaftlichen Wissens nicht verstanden werden kann. Schließlich werden partiell auch organisations- und systemtheoretische Überlegungen sowie aktuelle Forschungen der Technik-, Innovations- und Wissensgeschichte einbezogen.

 

Programm

 

 

 

13.11. Freitag

 

13:00-13:45

Eintreffen Jahrestagung

 

 

13:45-14.45

Begrüßung: Stefanie van de Kerkhof (Mannheim)

 

Einführung: Michael Schneider (Düsseldorf)/Peter Kramper (München)

 

Desiree Schauz (München): Die technisch-ökonomischen Fortschrittsversprechen der Wissenschaft in der klassischen Moderne

 

Diskussion

 

 

14:45-16.30

Panel 1: Chemische und pharmazeutische Industrie: Allgemeine Perspektiven

 

Chair: Florian Triebel (München)

 

Heiko Stoff (Braunschweig): Lynen, Boehringer, DFG. Eine Unternehmens- und Wissenschaftsgeschichte des Coenzym A.

Michael C. Schneider (Düsseldorf): Merck und die Organisation der Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Dennis Gschaider (Duisburg-Essen): Bauen für die Forschung der Zukunft: zur Entwicklung von Forschungseinrichtungen in der chemischen Industrie, 1950 bis 1980

 

 

16.30-17.00

Kaffeepause

17.00-19.00

Jahreshauptversammlung des AKKU e.V.

 

Abendessen

 

 

14.11. Samstag

 

 

 

9.00-10.45

Panel 2: Pharmazeutische Industrie: Spezielle Perspektiven

 

Chair: Christian Kleinschmidt (Marburg)

 

Manuel Dür (Zürich): Zwischen Forschung und Marketing. Die Literaturzentrale von CIBA AG (Basel) in den 1950er und 60er Jahren

Ulrike Enke (Marburg): Das Diphtherieheilserum: die Zusammenarbeit zwischen Emil von Behring und den Farbwerken Höchst als Beispiel für die Kooperation zwischen Staat, medizinischer Forschung und Industrie im späten 19. Jahrhundert

Ulrike Thoms (Berlin): Pharmazeutische Marktforschung als unternehmerische Strategie. Entwicklung und Professionalisierung einer neuen Branche im 20. Jahrhundert

 

 

10.45-11.15

Kaffeepause

 

 

11.15-13.00

Panel 3: Technik, Wirtschaft und Forschung

 

Chair: Helmut Maier (Bochum)

 

Stefan Krebs (Luxemburg): Zum Verhältnis technikwissenschaftlicher Wahrheit und Nützlichkeit: die Gründungsgeschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Eisenforschung

Stefanie van de Kerkhof (Mannheim): Scientific knowledge or muddling through? Forschung und Entwicklung bei Waffenproduzenten im Kalten Krieg

Jaromír Balcar (Berlin): Technologietransfer nach Trial and Error: Die Max-Planck-Gesellschaft und die Gründung der Garching Instrumente GmbH

 

 

13.00-14.15

Mittagspause

 

 

14.15-16.00

Panel 4: Sozialwissenschaften und Unternehmen

 

Chair: Katja Patzel-Mattern (Heidelberg)

 

Ingo Köhler (Göttingen): Wissenschaft als Instrument der Krisenbewältigung. Marktforschung als Sozialtechnik des Pkw-Managements "nach dem Boom"

Peter Kramper (München): Wohnungsunternehmen & sozialwissenschaftliche Forschung

Simone Diender (Brandeis University): Entrepreneurial Social Science: American Research of Marketing and Labor Relations, 1920-1970

Stephanie Hagemann-Wilholt (Bielefeld): Die Ökonomisierung des Sozialen: Einfluss und Funktion wissenschaftlicher Expertise auf die Kommunikationspolitik von Unternehmen in den 1970er Jahren

 

 

16.00-16.30

Concluding statement & concluding discussion

 

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Datum: 
13.11.15 to 14.11.15